Aale im Großstadtdschungel

Nachts in Berlin mit der freien Leine

Pirsch auf Aal in der Großstadt – Beharrlichkeit zahlt sich aus

Spinnangeln ist eine sehr beliebte Angelart, doch gerade im Sommer, bei sehr heißen Temperaturen, ist es nicht ganz so leicht einen der Räuber an den Haken zu bekommen. Zum Glück bietet unsere heimische Fauna genügend interessante Alternativen zum Spinnangeln. Die Friedfische unserer Seen und Flüsse bieten schließlich eine nicht minder spannende Fischwaid und kommen bei den warmen Temperaturen so richtig auf Touren.

Mit einem Angelkumpel verabredete ich mich also zum Feedern auf Brassen an der Dahme. Maden und Dendrobenas dienten als Köder, einige Grundfutterbälle in der Größe von Orangen flogen zu Beginn auf den Platz. Nach kurzer Zeit fanden sich die ersten Brassen, Güstern und Plötzen ein und die Bissfrequenz stieg. Wir waren jedenfalls jeder mit einer Rute gut beschäftigt, also wurden die weiteren Ruten mit Posenmontagen versehen und etwas abseits des Futterplatzes abgelegt. Vielleicht ging ja ein Barsch auf den Wurm.

Aal an der Angel

Mit vorgerückter Stunde ließen die Brassenbisse etwas nach und in Gedanken waren wir schon am Zubereiten von Frikadellen und Fischsoljanka. Plötzlich zog die Pose jedoch langsam aber stetig ab. Es folgte der Anhieb, am anderen Ende war allerdings kaum Gegenwehr zu spüren. Die Montage ließ sich einfach herankurbeln. Was allerdings zum Vorschein kam, überraschte mich dann doch. Statt des erwarteten Bärschleins im Fingerformat, wand sich ein kleiner Aal von knapp 30 Zentimeter Länge ums Vorfach. Es gab also Aale mitten in der Stadt.

Leider hatte dieser Kamerad den 12er Haken komplett inhaliert, an ein Abhaken war also absolut nicht zu denken und noch viel weniger an ein Foto. Um den Fisch wieder in sein Element zu befördern schnitt ich das Vorfach kurz über dem Maul ab und ließ ihn schwimmen. Laut wissenschaftlichen Studien sind Aale in der Lage verschluckte Haken zu zersetzen. Aggressive Magensäfte lösen dabei das Metall in kurzer Zeit auf und der Fisch überlebt in der Regel. Auf jeden Fall ist dies schonender als minutenlange Operationen mit zweifelhaftem Erfolgsaussichten und demnach auch vorgeschrieben.

Unser Fazit dieses Angeltags bei Fischsuppe, Schrippe und Berliner Kindl: warum nicht mal gezielt einen Aalansitz in Berliner Gewässern starten? Aale gezielt zu beangeln hatte ich an der Elbe bei Wittenberg schon vor Jahren aufgegeben. Es gab dort ständig jede Menge Wollhandkrabben, die einem die Schnur kappten, kleine Welse, die man eigentlich schonen möchte oder Schneidertage, aber fast nie Aale. Die Bestände dieser urtümlichen Fische sind ja auch bekanntermaßen stark zusammengeschmolzen. Gegenwärtig ist der Bestand auf ungefähr 1 % des Referenzwertes aus den 1970er Jahren gesunken. Überfischung, Wanderhindernisse, Gifte und Parasiten machen ihnen schwer zu schaffen. Durch Besatzprogramme ließen sich zum Glück einige Teilbestände stützen. Das Havel-Spree-Dahme System schien dazuzugehören.

Unser Gewässer zum Aalangeln

Folglich suchten wir einen Spot mit folgenden Charakteristika: flaches, leicht erwärmtes Wasser, reiche Strukturen und eine leichte Erreichbarkeit. Nun findet man zwar viele Gewässerstrecken in Berlin, die meisten lassen sich auch leicht erreichen, doch sind die meisten Ufer entweder durch Spundwände oder durch Betonwände gesichert. Schilfsäume und Seerosenfelder, also Aalhotspots sucht man meist vergebens. Die meisten Uferzonen sind steil und fallen rasch auf über einen Meter Wassertiefe ab. Strukurell finden sich anstelle von Totholz eher Einkaufswagen vom Discounter oder Fahrräder, besonders an Brücken. Flache Sandflächen bieten fast keine Nahrung oder Verstecke, fallen daher ebenso weg.

In der Nähe eines kleinen Parks fanden wir einen besonderen Bereich. Die Wassertiefe direkt an der Uferwand hatte kaum 20 Zentimeter und betrug 10 Meter vor dem Ufer gerade mal 1,2 Meter. Der Boden bestand aus Steinschüttungen, die wiederum dicht mit Zebramuscheln bewachsen waren. Im starken Schein der Taschenlampe konnten wir bei einer kurzen Erkundungstour einige Krebse entdecken. Dieser Platz war wie gemacht für einen Ansitz in der Großstadt. Trotz des Lärms durch den Verkehr hatte er etwas Idyllisches. Vor uns lag die Köpenicker Altstadt, hinter uns der kleine, ruhige Park. Freundlicherweise hatte die Stadt Berlin hier Bänke aufgestellt. Einen entspannteren Ansitzplatz kann man sich kaum vorstellen.

Ungefähr gegen halb sieben waren wir am Platz, um auszuloten und die Plätze festzulegen. Zwei Posenmontagen wurden in 15 Meter Entfernung, zwei weitere Laufbleimontagen in geringerer Entfernung vom Ufer ausgelegt. Als Köder hatten wir diesmal Dendrobena, Tauwürmer und Eismeergarnelen dabei. Bei zunehmender Dunkelheit waren die Köder ausgelegt und wir harrten der Dinge, die da kommen sollten. Anfangs tat sich erstmal gar nichts. Dies war nicht weiter überraschend – Aalangeln ist schließlich nicht Stippen. Gegen 20 Uhr zog die linke Pose ab. Ein kleiner Blei kam nach kurzem Drill in den Kescher. Kurz danach rührten sich ein paar Kaulbarsche an den Laufbleiruten. Doch wo blieben die Aale?

Angeln mit der freien Leine

Mit einem Pendelwurf wurde das Tauwurmstück kaum zwei Meter vom Ufer entfernt abgelegt. Als Bissanzeiger diente eine in die Schnur gehängte, herumliegende Zigarettenschachtel, der Schnurfangbügel blieb dabei offen. Besonders auf kurzen Distanzen müssen Widerstände minimiert und Störungen vermieden werden, auch wenn man wohl sagen kann, dass gerade in Großstädten die Fische einiges an Störungen durch Lichter und Erschütterungen gewöhnt sind. Die freie Leine bietet im Gegenteil zu anderen Montagen einige Vorteile:

  • Sie ist simpel und kostet fast nichts. Der Haken kann direkt an die monofile Hauptschnur geknotet werden.
  • Sie ist leise und bestens getarnt. Kein Blei schlägt auf die Wasseroberfläche, keine Leuchtpose stört im Flachwasser.
  • Der Köder sinkt absolut natürlich ab und der Fisch bewegt nur den Köder und das geringe Gewicht des Hakens.
  • Die Gefahr von verhedderten Montagen oder Grundhängern ist minimiert.

Natürlich gibt es wie immer auch Nachteile dieser Montage:

  • Gerade sehr leichte Köder lassen sich kaum weit werfen. Somit sind nur geringe Reichweiten möglich.
  • Der Köder ist sehr strömungsanfällig. Soll der Köder nicht treibend angeboten werden, sondern am Platz bleiben, so darf die Strömung bestenfalls schwach sein.

Nun, an dieser Stelle ging es nicht um Weite und die Strömung war zu vernachlässigen. Es waren also perfekte Bedingungen für die Montage mit dem Tauwurmstück an freier Leine in kaum 20 Zentimeter Wassertiefe.

Fuchs statt Aal

Die Zeit schritt langsam voran, ein Partyschiff fuhr vorbei, die letzten Ausflügler fuhren in kleinen Booten zu ihren Liegeplätzen. Endlich wurde auch das Dröhnen der Straßenbahnen und Busse von der nahegelegenen Brücke seltener. Selbst die Brassen schienen eingeschlafen. Plötzlich ein rascheln. War es die Zigarettenschachtel? Nein, die lag noch an derselben Stelle. Wieder ein leichtes Rascheln. Es kam von einem nahen Gebüsch. Ich wollte es genau wissen und knippste die Stirnlampe an, um nachzusehen. Zwei bernsteinfarbene Augen im rot-weißen Spitzbubengesicht schauten genauso überrascht wie wir. Da hatte sich doch tatsächlich ein Fuchs an unseren Taschen vergriffen, um etwas zum Fressen abzustauben. Dieser gab nun allerdings doch ein bisschen Fersengeld, nicht ohne nach 15 Metern nochmal zurückzuschauen. War dieses habituierte Verhalten normal für Stadtfüchse?

Egal, die Kippenschachtel wanderte gerade los. Das musst ein Aal sein. Also wurde vorsichtig die Rute in die Hand genommen, die Schnur zwischen den Fingern. Plötzlich zog es wieder. Mein Kollege setzte einen dosierten Anhieb. Zwischen Rutenspitze und Haken befanden sich ja kaum vier Meter Schnur. Die Rutenspitze blieb gleich krumm und der Blank zeigte Rückgrad. Jetzt galt es den Fisch vom Grund und Hindernissen fernzuhalten und ihn rasch hoch zu pumpen und anschließend in den bereitgestellten, großen Eimer zu befördern. Ein guter Aal von ungefähr 70 Zentimetern Länge hatte sich das Wurmstückchen im Flachwasser schmecken lassen. Unsere Freude war natürlich groß und die Mühe hatte sich ausgezahlt. Im Großstadtjdschungel, so scheint es mir immer wieder, wollen Fische hart erarbeitet werden. Man muss manchmal schon recht glenkig sein, da der Weg zum Fisch oft durch Geländer, Stege, Boote und herumliegenden Unrat verstellt wird.

Die anderen drei Ruten waren rasch auf die Montage mit der freien Leine umgebaut. Dem ersten Fisch folgten an diesem Abend noch ein weiterer vom gleichen Format und drei Untermaßige, alle im extrem flachen Wasser auf Tauwurmstücken gefangen. Der direkte Draht zum Haken und die kurze Distanz in Kombination mit dem schnellen Anhieb sorgten übrigens dafür, dass der Haken ganz vorn im Maul saß. Die Verletzungsgefahr für kleinere Aale wird dadurch verringert. Dieses Vorgehen scheint also sehr sinnvoll, schließlich wollen wir auch in Zukunft noch die eine oder andere Wasserschlange erbeuten.