Brachiales Spinnfischen: Eine unerwartete Begegnung

Um mir den Quarantäne Blues zu vertreiben, verabredete ich mich mit meinem Kumpel Hanni am 20.04. zum Angeln auf meinem Hausgewässer. Bei strahlendem Sonnenschein und Ostwind der Stärke 3 – 6 wollten wir mit dem Boot auf den brandenburger Teil der Oberhavel auf Raubfisch gehen. Und was an dem Tag passierte, werden wir unser Leben lang nicht mehr vergessen. 

Aller Anfang ist … Biss!

Ich kenne die Oberhavel schon lange und fast schon jeden Fisch beim Namen. Aber die Havel kann mich immer noch überraschen und das sollte ich heute noch erfahren. Nachdem wir das Boot beladen hatten und aus dem Hafen getuckert waren, wechselten wir von der Berliner auf die brandenburger Seite. Ruten raus, der Spaß beginnt. Nachdem wir eine Stunde erfolglos diverse vielversprechende Stellen abgeangelt hatten, bekam Hanni den ersten harten Biss. Nach einem kräftigen und entschlossenen Drill hielten wir einen gut genährten 71er Zander in den Händen. Noch ein kurzes Foto und der Bursche durfte wieder schwimmen. Schließlich hatte dieser ehedem gerade Schonzeit.

Barschrute rein, der Spaß beginnt

Obwohl wir danach viele weitere Stellen konzentriert abfischten, die uns in der Tat sehr „fischig“ erschienen, erbarmte sich kein weiterer Schuppenträger mehr unser. Einen letzten Versuch wollten wir dann noch an einer klassischen Frühjahrsstelle machen. Diese war flach, sonnenbeschienenen und hatte ein verlockendes Seerosenfeld. Selbst der Wind drückte drauf. Hier hatten wir schon schöne Barsche gefangen und deshalb versuchten wir es hier auch jetzt wieder auf die Stachelritter. Beim zweiten oder dritten Wurf rief Hanni dann „Fiiiiiisch !“ und wir konnten nach dem Anhieb gerade noch einen gewaltiger Rücken aus dem nur einem Meter tiefen Wasser auftauchen sehen. Den 7 cm (!) langen Gummifisch wollte der Fisch wohl unbedingt haben. Wir tippten sofort auf Wels. Allerdings war der Augenblick zu kurz um 100% sicher zu sein. Das kann ja länger dauern, dachte ich mir. Daher ein schneller Blick auf die Uhr: 14.45 h!

Sofort nach dem Abtauchen zog er unbeirrt los in Richtung Gewässermitte. Bei dem Barschgerät, an dem der Wels jetzt hing, wurde uns etwas mulmig. Die Rute hatte 1,8 – 14 gr. Wurfgewicht und die Rolle war mit einer 0,09er Geflochtenen bespult. Auch mit dem 0,32er FC Vorfach und dem dünnen Haken am 7 cm Gummifisch merkten wir: Der ist nicht zu halten. Daher lichtete ich sofort den Anker und fuhr ihm hinterher. Trotzdem hatte er da bereits 70 – 80 m Schnur genommen.

Können und Gerät am Limit

Was nun folgte war eine Demonstration aller höchster Schule die uns alles abverlangte: Nämlich den Fisch zu drillen, gleichzeitig effektiv zu navigieren und das Gerät am Limit zu fischen. Obendrein hatten wir starken Ostwind mit Böen bis Stärke 6, so dass das Boot immer aus der guten Drillposition driftete. So oft aus- und eingekuppelt hatte ich im ganzen letzten Jahr zusammen nicht. Gleichzeitig mussten wir alles an anglerischer Geduld aufbringen, was wir hatten. Ein echter Härtetest für Gerät und Mannschaft. Hanni ließ sich jedoch weder durch die regelmäßigen, schnelleren Fluchten, noch durch das kurze Wegdriften durch die heftigen Böen, aus der Ruhe bringen. Was uns mehr Sorge machte, war dass wir nach ca. 45 Minuten Drillzeit das Bundesland wechseln mussten und uns nun in Berlin befanden. Würde uns die Wasserschutzpolizei glauben, dass der Fisch in Brandenburg gehakt war? Da der Wels aber weiterhin unsere ganze Aufmerksamkeit einforderte, war das jetzt eh nicht zu ändern. 

Etwa 30 m vor den Stegen eines Anglervereines verharrte der Wels plötzlich. Wir atmeten regelrecht auf, denn zwischen den Pfosten hätten wir ihn bestimmt verloren. Ein Schaulustiger, der uns von einem der Stege schon 15 Minuten zugesehen hatte, verlor nach weiteren 20 Minuten Wartezeit die Lust und verließ seinen Ausguck. Wir aber blieben. Was auch sonst. Langsam bewegten wir uns wieder nach Brandenburg. Fast schien es uns, als würden wir den Fisch dorthin dirigierten. Aber wahrscheinlich wollte er auch einfach nur nach Hause.

Handlandung – irgendwann ist immer das erste mal

Nach insgesamt 1 Stunde und 55 Minuten hatten wir endlich das Gefühl, dass der Fisch langsam müder wurde. Sollten wir die Landung jetzt versuchen? Hanni holte ihn gefühlvoll und langsam nach oben. Und der Fisch machte widerstrebend mit. Im trüben Wasser kam zuerst langsam das 1 m lange FC Vorfach nach oben, dann sahen wir sein breites Maul und ein ganzes Stück davon entfernt konnten wir seinen Schwanz erahnen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt legte ich nicht nur gedanklich meinen Großhechtkescher beiseite. Nein, hier konnte nur noch Handarbeit helfen. Somit bereitete ich mich auf meine allererste Handlandung eines Welses vor.

Da ich durch diverse Videos zumindest theoretisch wusste, wie sowas ablaufen sollte, suchte ich zuerst einmal nach Handschuhen. Die einzigen, die ich dabeihatte, waren sehr dünne Stoffhandschuhe. Aber besser als nichts! Beim ersten Landeversuch merkte ich dann aber schnell, dass sie wirklich nicht viel besser als nichts waren. Zum Glück nahm uns der Wels diesen Versuch nicht allzu übel, sondern drehte sich nur aus meinem einhändigen Griff und schwamm etwas unentschlossen weg. Als Unterstützung zu meinen „Landehandschuhen“ nahm ich mir noch ein altes T-Shirt, das ich zum Händeabwischen im Boot hatte. Jetzt war ich entschlossen: Entweder kommt er ins Boot, oder ich gehe ins Wasser, ein Unentschieden gibt es nicht mehr! Beim insgesamt dritten oder vierten Versuch konnte ich schließlich den von Hanni perfekt servierten Wels mit beiden Händen im Maul packen und mit einiger Anstrengung ins Boot ziehen.

Fix und alle

Einen solchen Fisch hatten wir beide noch nicht gefangen und waren tief beeindruckt. Er ragte um einiges über die 140 cm meines Maßbandes hinaus. Wir schätzten den Koloss auf bestimmt 150 cm, die übrigens sehr gut genährt waren. Ein Blick auf die Uhr: 16.57 h! Abzüglich Jubeln, Vermessen und Foto dauerte der Drill also insgesamt 2 Stunden und 10 Minuten.

Mit dem sehr schönen Zander und immensen Wels hatten wir nicht gerechnet. Viel weniger, diesen nach einem epischen Drill am mickrigen Gerät noch landen zu können. Diesen Angeltag werden wir beide wohl unser Leben lang nicht mehr vergessen.

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