Wo schwimmt welcher Fisch im See?

Wo schwimmt welcher Fisch im See?

Die Bewegungen von Fischen und anderen Tieren unter Wasser exakt nachzuvollziehen ist wohl der Traum eines jeden Anglers. Technisch ist dies mittlerweile möglich, bleibt aber nur wenigen Wissenschaftlern vorbehalten. Ein internationales Team um Prof. Arlinghaus stattete einen ganzen See in Brandenburg mit einem modernen Ortungs-System aus und konnte so die geheimnisvolle Welt der Fische im Detail beobachten. Durch Kombination mit anderen Daten können sie deren Verhalten und Reaktionen auf das Angeln untersuchen.

Fischortung in Brandenburger See

Das in Deutschland einzigartige Fischortungssystem wurde in einem Brandenburger See installiert. Es ermöglicht, die Positionen der markierten Fische auf wenige Meter genau zu bestimmen, indem alle paar Sekunden ein Ortungssignal empfangen wird. Mehrere Fischarten wurden mit Sendern ausgestattet. Je nach Sendertyp und Batterielaufzeit können diese Sender über mehrere Jahre in den Fischen platziert werden, was eine Beobachtung auch über lange Zeiträume ermöglicht.

Verbessertes Ortungssystem

Laut Prof. Arlinghaus kennen wir das Verhalten exotischer Säugetiere teils besser als das unserer Fische im Dorfteich, da Verhaltensstudien in natürlichen Gewässern äußerst selten sind. Somit sind Standorte, Interaktionen und Reaktionen der Fische auf bestimmte Einflüsse kaum bekannt. Das Ortungssystem ermöglicht nun eine revolutionäre Erforschung von Bewegungsmuster von Fischen. Herkömmliche Ortungsmethoden mittels GPS versagen Unterwasser. Einerseits benötigen GPS Sender zu viel Energie und andererseits wären die Sender aufgrund der benötigten Akkus zu groß. Bei kleineren Akkus wäre die Anzahl der Signale zu selten, was nur eine sehr grobe Lokalisation ermöglicht. Somit wurde zu Unterwasser-Hydrophonen gegriffen, und die Fische mittels akustischer Telemetrie zu orten. Dieses aufwändige und teure Systeme finden sich nur an sehr wenigen Forschungsgewässern weltweit.

Bei der akustischen Telemetrie sendet ein Sender im Fisch Schallwellen aus. Durch zahlreiche im See platzierte Empfänger werden diese Signale mehrmals pro Minute geortet. So konnten Bewegungsmuster einzelner Fische teils über Jahre detailliert aufgezeichnet werden. Mittlerweile können auch sehr kleine Fische von rund 10 Zentimetern Länge mit entsprechenden Minisendern über mehrer Monate hinweg besendert werden. Eine hohe Anzahl besenderter Fische ermöglicht dann, soziale Wechselbeziehungen zwischen den Fischen zu untersuchen.


Einblicke in Fischverhalten und Persönlichkeit

Mit Hilfe der Ortungstechnik können ganz neue Einblicke in das Fischverhalten unter Wasser gewonnen werden. Karpfen schwimmen im Sommer beispielsweise gerne in kleineren Gruppen umher und suchen sich wiederholt sogar ganz bestimmte Artgenossen aus, um mit ihnen auf Nahrungssuche zu gehen. Im Winter hingegen bilden die Karpfen große Schwärme und halten sich im Freiwasser auf – eine überraschende Erkenntnis. Hechte hingegen verhalten sich erwartungsgemäß als Einzelgänger.

Neben Bewegungsmustern und Sozialverhalten konnte auch das Vorhandensein von Persönlichkeiten, also das systematische Auftreten bestimmter Eigenschaften bei Fischen, nachgewiesen werden. Durch Einbeziehung von Ernährungs- und Fortpflanzungsdaten zeigte sich, dass Erfahrungen im juvenilen Stadium, z.B. schnelles Wachstum, das Fress-, Jagd- und Reproduktionsverhalten der ausgewachsenen Fische beeinflussen. Faktoren wie Verhalten, Wachstum, Erfahrungen und Ernährung sind also eng gekoppelt und Persönlichkeiten von Fischen zeigen sich schon früh.

Interessant für Angler

Auch konkrete Effekte des Angelns konnten so ermittelt werden. Vor allem vielschwimmende, aggressive Hechte werden schnell gefangen und entnommen, während sich die schüchternen Artgenossen vermehren. Erkenntnisse aus den Bewegungsmustern der Fische ermöglichen vor allem die verbesserte Planung und Evaluierung von angelfischereilichen Managementmaßnahmen, wie beispielsweise Fischbesatz. Besetzte Hechte pflanzten sich beispielsweise nachweislich weniger erfolgreich fort, als im See heimische Hechte und auch ortsfremde Welse zeigten gänzlich andere Verhaltensmuster als im See ansässige Welse.

Weiterhin konnten die Forscher viel über Lerneffekte bei Fischen erfahren. Fische, die in ihrem Leben bereits schon einmal mit der Angel gefangen wurden, schwimmen weniger im Gewässer umher, sind schüchterner und gehen deutlich schlechter an den Angelhaken. Nachweisliche gefangene Karpfen hielten sich zwar am Futterplatz auf, bissen aber nicht mehr auf die Köder. Auch Kameraaufnahmen zahlreicher Angler zeigen, wie Karpfen beköderte Haken meiden bzw. vorsichtig wieder ausspucken.

Gerade zur Verhaltensforschung in Gewässern bieten hochauflösende Ortungsverfahren ein enormes Potential, da das Verhalten von Fischen genau erforscht werden kann. Deshalb sind Kooperationen und Projekte zur telemetrischen Verhaltensforschung in Zukunft weiterhin angeraten, um die Fische besser verstehen zu können. Langfristig ermöglicht dies ein besseres und nachhaltiges Fischbestandsmanagement, welches im Interesse aller Angler liegt.

 

IM FORUM DISKUTIEREN

Zur Studie in Science
Zur Pressemitteilung des IGB

AUCH INTERESSANT

Video: Basiswissen für Angler: Das Ruten-Wurfgewicht, Quelle: FHP/Fishpipe
weitere Angelvideos

WEITERE BEITRÄGE AUS DEM FHP MAGAZIN