Gute Fänge – Scheue Hechte? Boddenhecht

Gute Fänge – Scheue Hechte?

Jeder Angler kennt die Geschichten von den Rekordhechten, die einst an diesem oder jenem Gewässer an der Tagesordnung waren, bevor sich diese Informationen herumgesprochen haben und dem Anglerglück ein jähes Ende bereitet wurde. Meist folgt auf solche Berichte eine Theorie, die wahlweise den örtlichen Berufsfischer, Gastangler oder Schwarzfischer als eindeutig Schuldigen am Ausbleiben der dicken Hechte benennt. Fakt ist jedoch, dass ein Rückgang der Fangzahlen, besonders bei Raubfischen, an vielen Angelgewässern nicht von der Hand zu weisen ist. Ein Rätsel bleibt dabei, ob die Fische wirklich weniger werden oder einfach schwerer zu fangen sind. Forschende des Leibnitz Institutes für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin haben sich dieser Frage angenommen und eine Antwort gefunden, warum es an stark frequentierten Gewässern immer schwieriger wird, einen kapitalen Räuber zu fangen. Zwar tragen Angler ihren Teil zu dieser Entwicklung bei, aber Schuld ist vor allem eine: Die Evolution!

Charles Darwin und die Angler?

Was hat die Evolutionstheorie denn nun mit uns Anglern zu tun? Ganz einfach: Dadurch dass Angler Fische einer Population entnehmen wirken sie als sogenannter Selektionsfaktor. Ein Selektionsfaktor ist ein Faktor, der die Ausprägung eines oder mehrerer bestimmter Eigenschaften innerhalb einer Population an Lebewesen begünstigt. Im Fall der berühmten Darwin Finken, die dem englischen Naturforscher die Eingebung für seine noch berühmtere Evolutionstheorie beschert haben sollen, wäre dies beispielsweise die charakteristische Form ihrer Schnäbel. Das begrenzte Nahrungsangebot der kargen Galapagos Inseln hat bei diesen kleinen Singvögeln zu einer großen Diversität an verschiedenen Schnabelformen geführt, die meist speziell auf eine ganz bestimmte Nahrungsquelle angepasst sind.

Diese Anpassung ermöglicht den Finken bei Nahrungsknappheit Konkurrenz zu vermeiden. Die Beschaffenheit ihrer Nahrungsquellen wirken hier als Selektionsfaktor und begünstigen Finken mit speziell angepassten Schnäbeln. Diese können bestimmte Ressourcen effektiver Nutzen und haben damit eine höhere Chance sich fortzupflanzen. Doch damit schön und gut, was hat das nun mit den Hechten zu tun? Ganz einfach: Was führt bei einem Hecht im Angelgewässer dazu, dass er eine erhöhte Chance bekommt sich fortzupflanzen? Sicher verschiedene Faktoren, aber nicht geangelt zu werden und im Kochtopf zu landen ist schonmal ein guter Anfang!

Große Hechte haben schlechte Karten

Niemand entnimmt den deutschen Binnengewässern so viel Fisch wie wir Angler. Damit wirken Angler aktiv als Faktor, der das Sterberisiko eines Fisches erhöht. Ein Hecht, der sich trotz dieses erhöhten Risikos noch fortpflanzen will, sollte dies daher möglichst früh tun, bevor ein zufällig vorbei kommender Kunstköder seinem Reproduktionserfolg ein jähes Ende bereitet und er keine Chance mehr hat seine Gene weiterzugeben. Derjenige Hecht, der früher geschlechtsreif wird hat somit gegenüber einem gleichaltrigen Artgenossen der erst später die Geschlechtsreife erreicht einen Vorteil und kann sich statistisch öfter fortpflanzen. Dies führt dazu, dass Fische bei einem hohen Angeldruck irgendwann immer früher geschlechtsreif werden.

Die Energie, die sie hierfür benötigen fehlt ihnen in ihrer Entwicklung für das Wachstum und so bleiben diese frühreifen Hechte in der Regel kleiner und bekommen dazu noch deutlich weniger Nachkommen. Ohne fischereiliche Einflüsse könnten sich diese Hechte nur sehr schwer durchsetzen, den groß zu sein bringt einem Hecht in der Natur nur Vorteile: Schutz vor Räubern, mehr Nahrung und eine höhere Anzahl an Nachkommen. Somit ist es für Hechte eigentlich von Vorteil erst einmal schnell zu wachsen und sich dann auf die Fortpflanzung zu konzentrieren. Wenn da die Angler nicht wären, die zum einen dafür sorgen dass die Hechte nicht alt werden und zum anderen große Hechte besonders gerne entnehmen. Als großer Hecht hat man in einem Angelgewässer also evolutionär gesehen doppelt schlechte Karten!

Hecht wird zurückgesetzt

IGB_Philipp Czapla

Nicht nur kleiner sondern schüchterner!

Um dies zu überprüfen haben die Forschenden des IGB rund um Professor Robert Arlinghaus und Dr. Christopher Monk eine Hechtpopulation eines Angelgewässers in Brandenburg über vier Jahre lang mit verschiedensten Methoden untersucht. Dabei bestätigten sich die weiter oben beschriebenen Vermutungen. Die Durchschnittsgröße der Hechte nahm über den Zeitraum der Untersuchung ab, da die Entnahme größerer Hechte durch Angler die kleineren Hechte mit einem evolutionären Vorteil versorgte.

Tatsächlich machten die Fischereiwissenschaftler jedoch noch eine weitere Entdeckung: Die Selektion durch Fischerei scheint Hechte nicht nur kleiner sondern auch schüchterner werden zu lassen! Mithilfe telemetrischer Bewegungsdaten markierter Hechte konnten das Forscherteam nämlich zeigen, dass Hechte, die sich besonders zurückhaltend verhalten ein deutlich geringeres Risiko haben gefangen zu werden. Dies macht bei genauerer Betrachtung natürlich Sinn, denn wer weniger umher schwimmt begegnet mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit einem verhängnisvollen Angelköder. Das gleiche gilt für besonders risikobereite Individuen. Unter natürlichen Bedingungen mag der gierige Vorstoß hin zur möglichen Beute ein Vorteil sein, sollte sich der Beutefisch jedoch als Blinker entpuppen, wird daraus recht schnell ein Nachteil.

Es bleibt spannend…

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass ein hoher Angeldruck nicht zwangsläufig zu weniger Hechten im Gewässer führen muss. Die Hechte werden lediglich kleiner und schüchterner. Somit kommt es an stark beangelten Gewässern zu einem Wettkampf zwischen natürlicher und fischereilicher Selektion. Die Fischerei scheint diesen Wettkampf bei Hechten für sich zu entscheiden, das legen die Ergebnisse der Forschenden zumindest nahe. Die Entwicklung, hin zu kleineren und schüchternen Hechten, kann damit als Antwort der Evolution auf Angeldruck verstanden werden. Nun gilt es herauszufinden, was das für das Ökosystem und die Angelei bedeutet. Es bleibt also spannend und die nächsten interessanten Nachrichten der “Hechtforscher” lassen sicher nicht lange auf sich warten.

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Studie: Christopher T. Monk, Dorte Bekkevold, Thomas Klefoth, Thilo Pagel, Miquel Palmer and Robert Arlinghaus: The battle between harvest and natural selection creates small and shy fish. PNAS March 2, 2021 118 (9) e2009451118; https://doi.org/10.1073/pnas.2009451118

Zur Studie

Zur Pressemitteilung des IGB

Beitragsbild von IGB/ Projekt Boddenhecht

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