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    Post Sichere und unsichere Merkmale

    Hallo Kollegen,

    nun wollen wir zur angewandten Praxis, der eigentlichen Fischbestimmung, kommen ...

    Dafür müssen wir zuerst einmal Klarheit gewinnen, welche Merkmale eines Fisches wir für eine durchzuführende Artbestimmung als wichtig bzw. sicher und welche wir als unwichtig bzw. unsicher einstufen wollen.



    Unsichere äußere (eidonomische) Merkmale
    Diese wie auch die im nächsten Absatz folgende Merkmale sind für uns erkenntlich, ohne dass wir präparieren oder dem Fisch das Leben nehmen müssen. Also sinnvollerweise unsere Stufe 1 einer Artbestimmung.

    Farbe

    Fische beherrschen zwei Arten von Farbwechseln, einen kurzfristigen sowie einen längerfristigen. Der biologische Sinn von Farbwechseln liegt in Tarnung (Gestaltauflösung z.B. gegen den Untergrund) oder in Signalwirkung, innerartlich oder zwischenartlich.

    Den kurzfristigen Farbwechsel kennt jeder, der schon einmal ein paar Köderfische in einem Eimer gehältert hat: Schockentfärbung.
    Eine blitzschnelle Reaktion ... aber wie funktioniert sie?

    An den Pigmentzellen (den sog. Chromatophoren, gr. chroma=Farbe, gr. phorein=tragen, also Farbträgerzellen) setzen Nerven und Muskeln an. Über die Nervenendungen werden elektrische Impulse übergeben, die Pigmente im Inneren der Zelle konzentrieren oder verteilen sich. Dadurch ändert sich rein äußerlich die Farbe des Fisches (Lichtbrechung an den Zellen) ... und zwar sehr schnell.

    Der längerfristige Farbwechsel wird dagegen hormonell gesteuert ... über ihn werden z.B. charakteristische Laichkleider 'angelegt'.

    Zusätzlich zu beachten ist innerartliche Diversität, hier ein Auszug aus einem Fischbestimmungsbuch:
    ~~~
    Färbung variabel, je nach Gewässer Rücken und Flanken grau, grünlich oder rötlich gefärbt und marmoriert, Bauch u. Seitenlinie weiß
    ~~~

    Gemeint ist hier übrigens der Dorsch ... und obwohl jeder bei oliv und messing im Kescher 'Schleie' weiß, sind Farben u. Färbungen das unsicherste Merkmal, das wir für eine Artbestimmung heranziehen können. Auf sie schauen wir also fast zuletzt.

    Größe

    Ein ebenso unsicheres Merkmal ist die Größe, allerdings liefert sie uns zusätzliche Hinweise. Wird eine Maximalgröße von Art A deutlich überschritten, können wir Art B vermuten ... eventuell also ein Unterscheidungsmerkmal für enger verwandte Arten, die sich sonst nur in recht speziellen Merkmalen unterscheiden,

    Und etwas Zweites, abseits der Artbestimmung, kann in einigen Fällen die Betrachtung des Merkmals 'Größe' leisten: eine Geschlechtszuordnung.
    Haben wir einen 1,25m großen Hecht gelandet, ist es eine 'Dame', denn die Herren der Hechtschöpfung erreichen selten Größen/Längen überhalb der 90cm.



    Sicherere Bauplan-Merkmale

    Ohne jetzt tiefer in die Entwicklungsbiologe abschweifen zu wollen, verdienen diese Merkmale ein paar zusammenfassende Sätze.
    Die folgenden Merkmale sind Ausdruck von 'Bauplänen' von Organismen, also der umgesetzten genetischen Gesamtinformation, welche Merkmale eine Art denn überhaupt (artspezifisch) auszuprägen hat.

    Also z.B.: 3 Rückenflossen (die meisten Dorschfische), 2 Rückenflossen (Zander) oder nur eine (Hecht).
    Abweichungen hiervon deuten auf schwerwiegende Entwicklungsstörungen hin, also sind diese als wesentlich sicherer, somit als gruppen- und oft auch artspezifisch, zu bewerten.

    Da ich glühender Verehrer anschaulicher Beispiele bin, liefere ich euch gleich eines hinterher: die Entwicklung einer Extremitätenknospe eines Wirbeltieres, also: einer Fischflosse, eines Vogelflügels oder einer menschlichen Hand ...

    Entwicklungsbiologische Schlagwörter hierbei sind 'Musterbildung' und 'Positionsinformation' ... denn der Entwicklungsvorgang soll ja nicht nur überwiegend ähnliche, sondern strukturell übereinstimmende Formen schaffen.

    Als einer der wichtigsten Entwicklungsregulatoren bei Wirbeltieren ist die chemische Substanz Retinsäure identifiziert worden, eine morphogene, also gestalt-/formbildende Substanz.
    Über ein Konzentrationsgefälle dieser Substanz wird ein dreidimensionales Koordinatensystem geschaffen, das Positionen festlegt: oben/unten, vorne/hinten, rechts/links ...

    Entlang dieses Gradienten wandern noch nicht ausdifferenzierte Zellverbände bis zu ihrem Zielort; dort angekommen 'wissen sie'
    - wo sie sind (Position)
    - was sie zu tun haben (Musterbildung)

    Eine sich ausdifferenzierende Wirbeltierextremität wird also ähnlich 'gebaut' wie eine Maschine durch einen Ingenieur: unter Zuhilfenahme eines 3-D Konstruktionsprogrammes (CAD) ... eine irrsinnig komplexe Abfolge von strukturschaffenden Vorgängen.

    Kommen wir nun aber munter zu eben diesen sichereren Bauplan-Merkmalen:

    Körperform

    Ein Hecht sieht nun einmal von der Körperform her eindeutig anders aus als ein Karpfen ... kein Wels wird die Stromlinienform von Salmoniden ausprägen.
    Die generelle Körperform ist also Ausdruck und somit Merkmal eines umgesetzten Bauplanes. Die Körperform soll das Individuum einer Art für eine festgelegte Lebensweise prädestinieren ... und ist somit weitgehend konstant und für uns mit Wiedererkennungswert versehen. Dennoch unsicherer als die nachfolgenden Merkmale ...

    Seitenlinie inkl. Schuppenzahl

    Die Seitenlinie ist ein Sinnesorgan und somit eine noch wesentlich speziellere Struktur als die generelle Körperform.
    Die Schuppenanzahl entlang der Seitenlinie als Merkmal hat mitunter arttrennende Beweiskraft bei einer Bestimmung, Beispiel:
    - Giebel: 28-32 Schuppen entlang der Seitenlinie
    - Karausche: 32-35 Schuppen entlang der Seitenlinie

    Flossen / Flossenstellung

    Die Anzahl und Stellung der Flossen zueinander sowie die Ausprägung von Flossenstrukturen sind wesentliche, also sichere Merkmale. Zur Beschreibung bedient man sich (zum einen) der sog. Flossenformel:

    D: Dorsal- = Rückenflosse
    A: Anal- = Afterflosse
    P: Pectoral- = Brustflosse
    V: Ventral- = Bauchflosse

    Anzahl Hartstrahlen (eingliedrig): römische Ziffern
    Anzahl Weichstrahlen (mehrgliedrig): arabische Ziffern

    Beispiel Zander mit Flossenformel und deren Übersetzung:

    D1 XIV, D2 I/19-23, A II/11-13, P 15-16, V I/5
    ---> erste Rückenflosse mit 14 Hartstrahlen, zweite Rückenflosse mit einem Hart- sowie 19-23 Weichstrahlen, Afterflosse mit 2 Hart- sowie 11-13 Weichstrahlen, Brustflossen mit 15-16 Weichstrahlen, Bauchflossen mit 1 Hart- sowie 5 Weichstrahlen

    Für die Lage der Bauchflossen im Verhältnis zu den Brustflossen nutzt man zum anderen folgende, beschreibende Begriffe:
    - brustständig: Bauchflossen, deren Ansatz sich direkt unter dem Ansatz der Brustflossen befindet
    - kehlständig: Bauchflossen, die sich vor den Brustflossen befinden
    - bauchständig: Brustflossen befinden sich vor den Bauchflossen



    Weitere (speziellere) Merkmale

    Bezahnung / Schlundzähne bei Cypriniden

    Schlundzähne sind Malmstrukturen bei Cypriniden (Karpfenfischen), die Nahrung vor Eintritt in den Magen aufbereiten (zerkleinern und trockenpressen) sollen und gegen den Antagonisten Munddachplatte arbeiten (der sog. Karpfenstein).
    Sie befinden sich auf der Innenseite des 5. Kiemenbogens, ihre Anzahl und Struktur ist für gewöhnlich artspezifisch.

    Zur Merkmalsbeschreibung wird ebenfalls eine Formel zu Hilfe genommen, die Schlundzahnformel. Beispiel Güster (Blicke) mit Übersetzung:

    2.5-5.2 (selten 3.5-5.3)
    Schlundzähne zweireihig, links 2 und 5, rechts 5 und 2
    selten zweireihig links 3 und 5, rechts 5 und 3

    Innerhalb des Gesichtsschädels können weitere Knochen artspezifisch bezahnt sein und wesentliche Bestimmungsmerkmale liefern: z.B. Ober-, Zwischen-, Unterkiefer, Munddach, Gaumenknochen, Zungenbein.

    Beispiel Pflugscharbein (Vomer) bei Salmoniden:
    - Lachs: Pflugscharbeinplatte zahnlos
    - Meerforelle: Pflugscharbeinplatte bezahnt

    Ebenso lassen sich generelle Zahnarten unterscheiden: Fangzähne (lang und spitz, z.B. Zander), Bürsten-/Hechelzähne (Wels) ...

    Reproduktion und Sexualdimorphismus
    Was zum Teufel ist bitte Sexualdimorphismus? Nichts weiter als eine äußerliche Unterscheidbarkeit von Männchen und Weibchen einer Art ...

    Sexualdimorphismus kann permanent ausgeprägt sein, Beispiele:
    - Äsche: Männchen mit fahnenartig ausgezogener Rückenflosse
    - Schleie Männchen mit verdicktem 2. Brustflossenstrahl

    ... oder aber eben nur zeitweilig, dann zu Zeiten der Fortpflanzung:
    - Bitterling und Stichling: Männchen mit unverwechselbarem Laichkleid

    Zur Erinnerung: die hormonell gesteuerten 'Laichkleider' sind als Merkmal sicherer als der zentralnervös gesteuerte (schnelle) Farbwechsel der Knochenfische.
    Beim Bitterling könnte uns über das prächtige Laichkleid des Männchens hinaus auch noch die Legeröhre auffallen, mit der das Weibchen Eier in Muscheln der Gattungen Unio und Anodonta legt ... sogar so kann in Ausnahmefällen eine irrtumssichere Artbestimmung funktionieren.

    DNA-Analysen

    Das letzte und sicherste Merkmal einer durchzuführenden Artbestimmung ... natürlich auch das aufwendigste.

    Fische bereiten uns viele Probleme: zum einen verraten sie außerhalb der Laichzeit nur selten ihr Geschlecht ... das ist schonmal unbefriedigend. ... wir wollen ja nicht gleich in der Bauchhöhle nach Hoden oder Eierstöcken suchen, um das sicher zu wissen. Viele Fänge gehören schließlich zurückgesetzt.

    Zum anderen haben wir noch das Cypriniden-Problem ...
    Da die meisten Fische dem Prinzip der äußeren Befruchtung huldigen (Geschlechtsprodukte werden einfach in's freie Wasser entlassen), darüber hinaus bei vielen Cypriniden noch die Laichzeiten eng beieinander liegen ... kommt es hier besonders häufig zur Bastardisierung (Hybridisierung).

    Äußere Merkmale sind bei Cypriniden schon schwierig genug zu gewichten ... und dann auch noch das.
    Bei Bastarden kann sogar die Betrachtung präparierter Schlundzähne zu nicht eindeutigen Ergebnissen führen ... letzte Chance: eine DNA-Analyse.

    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

    So ... soviel erstmal zu sicheren und unsicheren Merkmalen.

    Um der Theorie etwas Praxisrelevanz einzuhauchen, lasse ich mir jetzt auch gerne von Euch etwas erklären:

    Führt mir bitte anhand sicherer und unsicherer Merkmale aus, wie ihr folgende Cypriniden auseinanderzuhalten versucht/vermögt:

    - Rotauge / Rotfeder
    - Giebel / Karausche (unter Ausklammerung der Schuppenzahl entlang der Seitenlinie , jaja)
    - Brassen (Blei) / Güster (Blicke)


    Ich bin gespannt ....


    Thomas

    PS: Bitte auch um Hinweise, ob ich etwas Wichtiges ausgelassen habe ... das würde dann nachträglich eingearbeitet.
    Geändert von Thomsen (15.02.2006 um 14:19 Uhr)


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