Der Lockruf des Seehechts

Angeln auf Seehecht in Norwegen

Es muss im Spätherbst des Jahres 2004 gewesen sein, als mir ein guter Angelfreund direkt aus dem Angelurlaub auf Hitra eine SMS sendete:

„Du glaubst nicht was hier gerade einer ins Filetierhaus gebracht hat. Ein Seehecht!“ 

Alleine an der Tatsache dass im Jahr 2004 SMS-Nachrichten aus dem Ausland noch richtig Geld kosteten wird schon ersichtlich welche Bedeutung dem Fang eines Seehechts noch vor ca. 15 Jahren beigemessen wurde. 

Mittlerweile hat sich das grundlegend geändert. Jeden Herbst tauchen mittlerweile zahlreiche Fangbilder von Seehechten die vor der Küste Norwegens gefangen werden in den sozialen Medien auf. Angestachelt von den Erfolgen anderer Angler, reifte auch bei mir der Plan es endlich mal gezielt auf diese interessanten Raubfische zu probiern. 

Gemeinsam mit meinen Freunden Peter Oswald und Thomas Finkbeiner ging es deshalb im Herbst 2018 auf eine Angeltour der besonderen Art nach Norwegen. Als Reiseziel hatten wir uns den Imarsund, ein kleiner Sund an der Trondheimsleia gegenüber der Insel Smöla, herausgesucht. Die Auswahl des Reiseziels für unser Vorhaben fiel mir nicht sonderlich schwer, ich war bereits im Frühjahr einmal an diesem Sund unterwegs und wusste daher dass das Revier für eine Seehecht-Tour die idealen Voraussetzungen mitbrachte. 

Eine der besten Angelstellen für Seehechte an der Trondheimsleia ist von hier aus schnell erreicht, und falls das Wetter nicht mitspielen sollte könnte man sich die Zeit beim Pollackangeln am leichten Gerät im gut geschützten Sund vertreiben. 

Bereits einige Tage vor unserer Abreise checkte ich täglich den Wetterbericht – und auch wenn bei den Vorhersagen alles was über ein paar Tage hinausgeht eher Horoskop-Charakter hat, die Großwetterlage die sich für unseren Aufenthalt abzeichnete war eindeutig. Der unglaublich warme und heiße Sommer sollte mit unserer Ankunft dem norwegischen Herbst weichen. 

Dennoch, auch vor dieser Norwegentour war die Aufregung groß. Da unser Startpunkt in Bayern lag, war bereits der erste Streckenabschnitt nach Frederikshavn in Dänemark mit 1100 Kilometer ein ganz schöner „Ritt“. Von hier aus sollte es dann mit der Autofähre nach Oslo und von der norwegischen Hauptstadt aus noch knappe 700 Kilometer weiter mit dem Auto nach Westnorwegen an den Imarsund gehen. 

Die Anreise meisterten wir gewohnt gelassen (alles andere wird bei den zahlreichen Blitzern in Norwegen sonst ganz schön teuer). Das obligatorische Foto am „silbernen Elch“ durfte natürlich nicht fehlen.

Während ich mich mit dem drohenden norwegischen Wetter noch nicht abfinden wollte, hatte mein Freund Peter hingegen schon auf Herbstbekleidung umgesattelt. 

Am Imarsund angekommen führte uns der erste Weg natürlich direkt ans Wasser. Unser Boot lage bereits vollgetankt am Anleger, nachdem wir auch das Ferienhaus bezogen hatten wären wir eigentlich bereit gewesen für ein Seehecht-Abenteuer. Leider machte uns der norwegische Herbst einen Strich durch die Rechnung. 

Geduldsprobe

Obwohl wir die Topstellen für Seehechte mit dem gut motorisierten, knapp 6 Meter langen Aluboot sehr schnell erreicht hätten war an eine Ausfahrt in Richtung offenes Wasser bei Windstärke 8 zunächst nicht zu denken. Jetzt war das angesagt was viele Norwegen-Angler nur zu gut kennen: Warten auf besseres Wetter. 

Die Wartezeit vertrieben wir uns beim Angeln mit leichtem Gerät im Sund. Mit einer Breite von ca. 1 Kilometer ist der Sund sehr schmal, was gleich zwei Vorteile mit sich bringt.
Erstens bauen sich hier im Normalfall keine allzugroßen Wellen auf, man kann also bei beinahe jedem Wetter angeln. Zweitens verursacht der Gezeitenstrom (also Ebbe und Flut) richtig Bewegung unter Wasser. Unglaubliche Wassermassen müssen sich im 6 Stundentakt durch den engen Sund pressen. Das sorgt für reichlich Nahrung – und das wissen natürlich auch die Fische. 

So blieben wir nicht lange ohne Fische und konnten mit Gummifischen und Pilkern einige schöne Pollacks und auch den ein oder anderen Dorsch an der leichten Rute drillen.

Das Spinnfischen im Meer unterscheidet sich bei genauer Betrachtung gar nicht so sehr von der Angelei im Süßwasser wie man vermuten möchte. Erfahrene Süßwasser-Spinnfischer werden auch im Salzwasser schnell den Dreh raus haben. Mit Jigköpfen von 20 bis 50 Gramm kommt man sehr gut zurecht. Die Angelei auf Pollack ähnelt im Prinzip der Hechtangelei, oft ist ein im Mittelwasser einfach eingeleierter Gummifisch extrem erfolgreich. Hat man es auf Dorsche abgesehen, orientiert man sich hingegen besser am Zanderangeln. Wer den Gummiköder konzentriert in Sprüngen über den Grund führt wird mit traumhaften „Einschlägen“ belohnt. 

Endlich gutes Wetter – Jetzt geht’s auf Seehecht!

Beim täglichen Blick auf die Wettervorhersagen keimte dann endlich Hoffnung auf. Am nächsten Tag sollte der Wind etwas nachlassen und wir würden die Chance auf eine Seehecht-Ausfahrt in die Trondheimsleia bekommen. Voller Vorfreude machten wir am Abend noch Montagen fertig und konnten den nächsten Tag kaum erwarten. 

Und tatsächlich – am nächsten Tag begrüßte uns traumhaftes Wetter und mit guter Laune und voller Hoffnung auf einen Seehecht ging es hinaus aufs Meer. 

In der Trondheimsleia angekommen, ließen wir unsere Naturködervorfächer die wir mit Makrelenfetzen bestückt hatten zum Grund hinab. Das Echolot hatte auf einer Tiefe von ca. 80 Meter einige Fischsignale angezeigt. Nach etwa 15 Minuten meldete Thomas den ersten Kontakt – irgendein Fisch machte sich an seinem Köder zu schaffen. Als das „zuppeln“ in ein deutliches „ziehen“ mündete setzte er einen beherzten Anhieb. 

Der Fisch wehrte sich zunächst recht deutlich und zog direkt einige Meter von der recht stramm eingestellten Multirolle. Egal was es war, ein kleiner Fisch mit Sicherheit nicht. Meter für Meter pumpte Thomas den Fisch nach oben. Immerwieder waren in der Rutenspitze der 30-Pfund Rute die wütenden Kopfschläge des Fisches zu sehen. Als nach einigen Minuten endlich ein weißer Bauch etwa 15 Meter unter dem Boot auftauchte stieg die Spannung an Bord nochmals gehörig an. Das war ein richtiger Brocken den Thomas da im Drill hatte. Alle Augen richteten sich auf den großen Fischkörper der Stück für Stück näher kam. Dann tauchte er auf. Ein großer Seehecht! 

Jedem an Bord war nun klar, dass die Anzeigen auf dem Echolot tatsächlich Seehechte waren. Wir fuhren die auf dem Kartenplotter angezeigte Trackinglinie zurück und setzten eine neue Drift an.

Ausrüstung & Technik beim Seehechtangeln

Das gezielte Angeln auf Seehechte findet meist in Tiefenbereichen zwischen 70 und 120 Metern statt. Um die Fetzenköder auch bei solchen Tiefen in Grundnähe anbieten zu können, braucht man geeignetes Angelgerät welches auch den Einsatz von schwereren Bleigewichten erlaubt. 

Beispielsweise:

Erwartungsvoll ließen wir unsere Vorfächer erneut zum Grund hinab. Trotz 400 Gramm Blei schien es eine halbe Ewigkeit zu dauern bis die Köder am Meeresgrund angekommen waren.

Peter war zuerst unten und noch ehe unsere Köder ebenfalls den Grund erreichten, setzte er schon einen Anhieb und drillte einen Fisch aus der Tiefe hoch. 

Dann ging es Schlag auf Schlag, auch bei Thomas und mir stiegen nach kurzer Zeit Seehechte ein. Der Dreifach-Seehecht-Drill brachte wieder schöne Seehechte ins Boot. 

Wir hatten einen großen Seehecht-Schwarm direkt unterm Boot und lagen in einer idealen Drift. Was wir die nächsten Stunden erleben durften war Meeresangeln vom Feinsten. Ein Seehecht nach dem anderen landete im Boot. 

Irgendwann frischte der Wind wieder auf und am Horizont kündigte sich die nächste Schlechtwetterfront an. Gelassen und zufrieden traten wir die Heimfahrt zum Ferienhaus an und wurden von einem spiegelglatten Imarsund begrüßt.

Nachdem das Boot entladen und die Fänge versorgt waren, ließen wir diesen unvergesslichen Angeltag bei einem köstlichen Abendessen ausklingen. Es gab Seehecht.

Franz Hollweck

Das Video zum Artikel: