Das Braune Wasser

Ursachen der Verockerung von Gewässern

Ein durch Verockerung belasteter Bach

Sicherlich ist dem einen oder anderen Angler bei Gewässererkundungstouren übers Land aufgefallen, dass manche Flüsse oder Bäche, vor allem im Gebiet der Lausitz in Sachsen und Brandenburg sowie in Teilen Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens rotes bis rostbraunes Wasser führen und vor allem im Winter sehr trüb sind.

Startet man hier optimistisch einen Angelversuch, so geht man in der Regel als Schneider nach Hause. Offensichtlich leben in solchen Gewässern nur sehr wenige bis gar keine Fische, obwohl kein Abwasser eingeleitet wird und durchaus Fische in Nebengewässern oder abwärts liegenden größeren Flüssen vorkommen. Oft spielen die sonst so fatalen Wanderhindernisse ebenfalls nur eine untergeordnete Rolle. Schließlich werden die meisten Wehre auch mal geöffnet, Wasservögel verschleppen Laich oder Enthusiasten setzen Fische aus. Folglich dürfte jedes taugliche Gewässer über kurz oder lang von unseren geliebten Flossenträgern besiedelt werden – nur die roten Gewässer nicht.

Früher gab es Fische

Wer sich bei älteren Sportsfreunden oder Einheimischen über frühere Verhältnisse erkundigt, erfährt oft Überraschendes: früher war der Fluss oder Bach voller Fische. Alte Leute erzählen, wie sie als Kinder dort angelten oder sogar Reusen stellten. Warum ist das so? Schaut man sich diese Gewässer heute näher an, so findet man häufig einen sehr feinen, rotbraunen Schlamm am Boden, an Pflanzen, aber auch an Strukturen wie Wänden, Mauern oder Brücken.

Nun Schlamm gibt es irgendwie in fast jedem See oder in strömungsarmen Bereichen. Meist ist er eher schwärzlich, besteht aus Pflanzenteilen und steckt voller Leben. Unsere wühlenden Fischarten wie Karpfen, Schleien oder Brassen finden hier Larven, Krebschen und sonstiges Getier. Doch dieser besondere Schlamm ist rötlichbraun, extrem feinkörnig und fehlt in der Regel in fischreichen Gewässern – er muss also der Übeltäter sein. 

Doch worum handelt es sich genau?

Bei Recherchen kommt man unweigerlich auf Begriffe wie Verockerung, Eisenhydroxid, Manganoxid und Sulfate. Und plötzlich findet man sich in den Bergbautätigkeiten der Vergangenheit und Gegenwart wieder und erfährt einiges über Wasserchemie. Irgendwann liest man noch einiges über die Bedrohung der Berliner Trinkwasserversorgung durch Vergiftung und Verockerung der Spree.

Doch der Reihe nach. Der Begriff der Verockerung beschreibt das Ausfällen von Eisenhydroxiden beziehungsweise Manganhydroxiden im Wasser unter Einwirkung von Sauerstoff. So also entsteht dieser feine Schlamm.

Wichtig zu wissen ist, dass sauerstofffreies, saures Wasser sehr viel gelöstes Eisen, sogenannte zweiwertige Eisen-Ionen sowie Mangan-Ionen aufnehmen und transportieren kann. Gelangt ein solches mit Ionen beladenes Wasser mit Luftsauerstoff in Berührung, so reagieren die Metalle – sie oxidieren. Bestimmte Bakterien haben dabei einen katalytischen Einfluss.

Als Ergebnis fallen rotes Eisenhydroxid und braune Manganoxide aus, die vorher im Wasser gelösten Stoffe bilden also Partikel und sedimentieren. Dieser Prozess wird im Bereich niedriger pH-Werte, also im sauren Wasser, welches häufig auf die Anwesenheit von Schwefelverbindungen zurückzuführen ist, durch erhöhte Metallfrachten verstärkt. So also entsteht der rote Modder.

Wie wirkt dieses Feinstsediment?

Vereinfacht gesagt – der Schlamm wirkt wie ein Leichentuch! Sämtliche Oberflächen werden davon überzogen. Dabei verstopfen nicht nur die wichtigen Kieslücken des Gewässerbodens, sondern auch die Atmungsorgane so ziemlich aller Wasserlebewesen. Selbst Pflanzen sind betroffen. Das Leben erstickt sozusagen und das Gewässer ist fischereilich gesehen tot. Diese Verhältnisse bessern sich erst nach einer starken Verdünnung, zum Beispiel nach Einmündungen weiterer unbelasteter Bäche oder Flüsse.

Was war früher anders? Ursachen für saures Wasser und gelöste Metalle.

Wie bereits erwähnt, führt die durch den frustrierenden Schneidertag am roten Wasser augelößte Recherche recht rasch zu einigen Ergebnissen. Drainagemaßnahmen und Bergbautätigkeiten sind der Außlöser dieses Phänomens. Hierbei steht neben Kiesgewinnung besonders der Braunkohleabbau im Vordergrund. Dazu kommt, und das ist entscheidend, die Anwesenheit von Pyrit oder Markasit im Boden. Diese zwei Minerale aus Eisen und Schwefel kommen insgesamt häufig vor, allerdings kann ihre Konzentration in der Erde lokal schwanken. Pyrit wird auch als Schwefelkies, Narrengold oder Katzengold bezeichnet. Markasit ist als Leber- oder Wasserkies bekannt.

Bei der Braunkohlegewinnung im Tagebau, wie dieser in den Rheinischen- und Lausitzer Revieren gehandhabt wird, wird der Grundwasserspiegel bis unter die Kohleflöze abgesenkt. Anschließend werden die Deckschichten abgetragen und umgeschichtet. Dabei kommt es zu einer extremen Durchlüftung dieser Böden. Die sichtbaren Folgen des Bergbaus sind die typischen „Mondlandschaften“, die jeder kennt und die aus der Aufschüttung von Tiefensedimenten hervorgehen.

Die Mineralien dieser Schüttungen beginnen primär aufgrund des Sauerstoffes zu verwittern und so entstehen unter anderem Schwefelsäureverbindungen. Diese werden durch Regenwasser und dem später nach Einstellung der Abbautätigkeiten ansteigenden Grundwasser ausgewaschen und gelangen nun in die Seen und Flüsse.

Junge Tagebauseen weisen häufig einen ph-Wert von unter 4 auf. Das ist kein Wasser wie man es kennt, sondern ähnelt eher Substanzen wie Essig. Darin leben zwar bestimmte Bakterien aber mit Sicherheit keine Fische. Fatalerweise lösen sich durch die sauren Verhältnisse weitere Elemente. So werden giftige Schwermetalle wie Blei, Nickel und Cobalt ausgewaschen und erhöhen die Belastung. Somit ist also nicht das rote Sediment alleine, sondern eine Vielzahl von weiteren Faktoren verantwortlich für den Schneidertag am braunen Wasser.

Gegenmaßnahmen:

Wenn man als Angler an solchen traurigen, toten Gewässern steht, kann man allein leider nur wenig ausrichten. Prognosen gehen von Jahrzehnten bis Jahrhunderten der fortlaufenden Auswaschung aus. Betroffene Tagebauseen lassen sich durch intensive Kalkungen aufwerten. Dabei steigt der pH-Wert und die Schwefelsäure wird als Gips gebunden. Oft sind unsere liebgewonnen, großen Baggerseen erst durch solche Maßnahmen taugliche Fischgewässer geworden.

Bei der Sanierung der Gewässer spielt natürlich das öffentliche Interesse eine entscheidende Rolle: die Seen sollen touristisch vermarktet werden und natürlich will niemand in Säure baden. Die Gesellschaft übernimmt also die Verantwortung für einige Altlasten des Tagebaus.

Leider haben kleinere Gewässer keine derart starke Lobby wie große touristisch interessante Bade- und Wassersportseen. Eine permanente, gut dosierte Zufuhr von Kalk würde den kleinen Gewässern natürlich ebenfalls helfen, doch leider ist dies schwer zu finanzieren. Etwas Linderung für diese Belastung bringt das Sammeln von Sickerwässern aus Kippenböden in künstlichen Becken mit Kalkzufuhr.

Diese Technik gab es in der Lausitz bereits zu DDR-Zeiten – leider geriet sie etwas in Vergessenheit. Daher hat zum Beispiel die Spree und viele ihrer Zuflüsse heute verstärkt Probleme und selbst eine Großstadt wie Berlin mit über 3,5 Millionen Einwohnern ist in ernster Sorge bezüglich der zukünftigen Trinkwasserversorgung. 

Überspitzt gesagt: Würde die Gesellschaft aus Angst vor Trinkwasserknappheit mehr Geld für Kalk ausgeben, hätten wir als Angler deutlich weniger Schneidertage.